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Eine Geschichtswissenschaft, die fundiert nach modernen wissenschaftlichen Standards und vor allem neutral die Region Kaukasus beschreiben würde, ist keine Selbstverständlichkeit. Viele Fragen bezüglich unterschiedlicher historischer Zusammenhänge sind noch offen, und die detaillierte Beschreibung mancher Epochen lückenhaft. Laut Rayfield, der vor kurzem eine umfassende Lektüre zur Geschichte Georgiens veröffentlicht hat, stützte sich die Geschichtsschreibung Georgiens bis 1783 auf fragmentarische Texte bisheriger Chroniken georgischer (ქართლის ცხოვრებაDas Leben Kartlis) und klassisch byzantinischer Herkunft. Das Heranziehen der Archäologie sowie der persischen und türkischen Quellen wirft ein neues Licht auf viele offenen Fragen. Zu den neueren Erkenntnissen trägt auch die Öffnung russischer Archive bei. Hierzu zählen insbesondere die 13.000 Seiten der Akten, die von der kaukasischen archäographischen Kommission (Акты, собранные Кавказской археографической комиссией) gesammelt wurden und die 1866 in der Erstauflage erschienen sind. Trotz der stalinistischen Tyrannei ist die georgische Geschichtsschreibung zwischen 1920 und 1970 erstaunlich vollständig und objektiv. Die Öffnung der Parteiarchive, die seit der Wende nach und nach vollzogen wurde, gibt der jüngsten Geschichtsforschung gute Perspektiven. (Rayfield, D: Edge of Empires - A History of Georgia, 2013, S. 8-10)

Was die Quellen betrifft, so erweist sich das 19. Jh. als besonders fruchtbar. Die russische Kolonisation des Kaukasus bezweckt die Eingliederung der Region in die Strukturen der Großmacht. Die Umsetzung dieser Pläne verlangt dabei die Erforschung der Region. Im Zuge dieser Erforschungen bereist eine Vielzahl von Wissenschaftlern im Auftrag der russischen Regierung den Kaukasus. In der Reihe der Akademiker stehen unter anderem russische, deutsche, britische und französische Gelehrte, die die Region aus geographischer und geologischer Sicht erforschen und ihre Erkenntnisse zu Flora und Fauna des Kaukasus sammeln. Die Texte, die dabei entstehen, gehören zweifellos zum Grundstein der Forschung entsprechender Wissenschaften. Den Texten kann darüber hinaus ein relativ ausführliches Bild der Gesellschaft entnommen werden, denn neben Daten und Fakten gehören Stadtleben, Begegnungen und Beschreibungen ethnographischer Art zum festen Repertoire dieser Arbeiten. 

In die Beschreibungen der Forscher fließt auch ihr eigenes stereotypisches Bild ein, das in der Tradition der damaligen Wissenschaftsschreibung stand und den westlichen Fortschritt als non plus ultra betrachtete. Demnach durchziehen Worte und Satzkonstruktionen wie „Eingeborene“, „edle Wilde“ oder „...im Kaukasus, dessen größter Teil noch nicht von der Kultur beleckt ist...“ die meisten Schriften. Sie bedienen damit die Auffassung der „Überlegenheit“ der westlichen Zivilisation vor allem gegenüber dem Orient und prägen zugleich ein Bild des Kaukasus, das größtenteils Züge der orientalischen Romantik trägt und die Sehnsucht der westeuropäischen Leser nach Abenteuer und Unterhaltung zu bedienen scheint. Diese Ansicht geht mit dem von den Europäern erfundenen Begriff des Orientalismus einher in dem „... der Orient fast eine europäische Erfindung und seit der Antike ein Ort der Romantik, des exotischen Wesens, der besitzergreifenden Erinnerungen und Landschaften [sowie] bemerkenswerten Erfahrungen [war]“ (vgl. Said, Edward W. (2009): Orientalismus. S. 8.; Abbattista, Guido (2011): Europäische Begegnungen im Zeitalter der Expansion, in: EGO | Europäische Geschichte Online, unter: http://ieg-ego.eu/de/threads/hintergruende/europaeisxche-begegnungen/guido-abbattista-europaeische-begegnungen-im-zeitalter-der-expansion (abgerufen am 26.10.2015); Fürtig, Henner (2012): Was ist der Nahe Osten? Eine Einführung. In: Informationen zur politischen Bildung (izpb), Bonn, Nr. 4 (317), S. 4-7.).

Fast alle deutschen Forschungsarbeiten zum Kaukasus des 19. Jahrhunderts wurden im Auftrag der Petersburger Akademie der Wissenschaften oder direkt im Auftrag der jeweiligen Stadthalter ausgeführt und von diesen finanziert. Anschließend sind sie bei den deutschen Verlegern in Deutschland zum Teil aufwendig überarbeitet, illustriert und veröffentlicht worden, was vermutlich auf die Unterhaltungstauglichkeit der Inhalte für das breitere Publikum zurückzuführen ist. Dabei sind viele Annahmen über die Unzivilisiertheit, Brutalität, die Aufteilung nach „friedlichen“ und „weniger friedlichen“ Volksgruppen äußerst fraglich, zumal die meisten Forscher im Auftrag der Kolonisatoren tätig und zumeist weder der Sprache noch der historischen Hintergründe der Region mächtig waren. Ist man sich dieser Tatsache bewusst, so stellt die Textlektüre eine wertvolle soziologische Momentaufnahme dar und gibt ein plastisches Relief der damaligen Gesellschaft wieder. Nicht zuletzt können der Gesamtheit der Texte Antworten auf offene Fragen auch zur heutigen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung im multinationalen Kontext der Region Kaukasus entnommen werden. 

Die digitale Edition dieser Schriften und deren Publikation im Rahmen unserer öffentlich zugänglichen Online-Plattform soll die Möglichkeit geben, sich mit den Texten kritisch auseinander zu setzen. Dafür können die Texte nach Stichworten und Stichwortkombinationen durchsucht werden. Die virtuelle Zusammenführung der Texte und deren Aufbereitung ist als work in progress angedacht und wird kontinuierlich wachsen.